Hinweise auf den aktuellen Vortrag

 

Informationen zu der Veranstaltung im Februar 2019

 

 

VA-Nr.:
02/2019
Thema:

"Die Philosophie des Fußballs" -

 und die Utopie der Fairness

Referentin:
Prof. Dr. Paul Hoyningen-Huene, Zürich
Datum:
Donnerstag, den 28.02.2019, 20.00 Uhr
Ort:
Hochschule Bremerhaven, An der Karlstadt 8, Haus S, Raum S 207

 

 

 

 

 

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Kernthesen

 

Im Vortrag wird die Frage gestellt, warum Fußball eine solche Faszination ausübt. Dazu wird zunächst die Aufmerksamkeit auf verschiedene Merkwürdigkeiten des Fußballs gelenkt.
Da ist erstens das Publikum: Fußball ist heute ein nahezu universelles Phänomen geworden; seit einigen Jahrzehnten sind nun auch Afrika und Asien eingeschlossen. Die Fußball Begeisterung ist weder schicht- noch altersabhängig: Lyriker, Arbeiter, Professoren, Industriebosse, Ärzte usw. interessieren sich gleichermaßen für Fußball.
Zweitens ist bemerkenswert, wie stark die Emotionen von Freude und Ärger direkt gezeigt werden. Dies gilt für Spieler, Trainer und das Publikum. Vergleichsweise ist das Verhalten eines Vorstandsvorsitzenden einer Firma sehr verhalten, ob es um große Gewinne oder um große Verluste geht.
Drittens ist das Objekt der Begeisterung sehr merkwürdig. Kontrastiert man den Jubel z. B. beim Ende des Zweiten Weltkriegs oder beim Fall der Berliner Mauer mit dem Jubel bei einem Fußballspiel, so fällt auf, dass das Überqueren des Balls über die Torlinie von unglaublicher Banalität ist  Aber nicht nur ist dieses Ereignis unendlich banal, vielmehr sind auch die erlaubten Bewegungen zur Beschleunigung des Balles extrem artifiziell. Wir Menschen zeichnen uns unter anderem durch unsere wunderbaren Hände aus, und man könnte erwarten, dass wir beim Spielen unsere Hände feiern. Dagegen benutzen wir beim Fußball unsere Füße, Oberkörper und Kopf. Dies ist nicht die eleganteste Weise, einen Ball in Bewegung zu setzen.
Die Frage lautet also: Warum übt dieses banale, absolut artifizielle Geschehen eine solche Faszination rund um die Welt aus?
Die Antwort, die ich als komprimierte Formel auf diese Frage geben möchte, lautet: Fußball stellt das Drama des Lebens nach. Im Fußballspiel finden wir eine Vielzahl genau der Elemente, die das wirkliche Leben dramatisch machen – aber in Spielform und mit einer wichtigen Modifikation.
Aber was ist mit dem „Drama des Lebens“ gemeint? Dieses zeigt sich nicht, wenn man bestimmte Absichten reibungslos realisieren kann. Dramatisch wird es erst, zumindest in Ansätzen, wenn etwas unsere Absichten durchkreuzt, d.h. wenn Umstände eintreten, die außerhalb unserer Kontrolle liegen. Die dramatischen Episoden unseres Lebens sind eine Mischung von eigenen geplanten Handlungen auf der einen Seite und Glück bzw. Pech auf der anderen. Um trotz solcher Umstände unsere Ziele zu erreichen, können wir auf die verschiedensten Weisen vorgehen: im Alleingang oder im Team, direkt oder auf Umwegen, auf faire oder unfaire Weise, durch harte Arbeit oder ein geniales Manöver, zaghaft oder wagemutig, usw. Dabei müssen wir die Gesetze einhalten, sonst drohen Sanktionen. Typischerweise begünstigt die eigene Leistung den Handlungserfolg, nur garantiert sie ihn nicht, und Glück und Pech können alles über den Haufen werfen. Und oft ist gar nicht klar, ob Leistung oder Glück ein positives Ergebnis hervorgebracht hat. Es ist die Mischung von Leistung und Glück oder Pech, die ich mit dem Drama des realen Lebens meine.
Und genau so ist es beim Fußball. Ich erläutere nun das Verhältnis des Fußballspiels zum „Ernst des Lebens“ anhand von vier verschiedenen Funktionen der Regeln des Fußballspiels.
Erstens stellen diese Regeln die Analogien zum Drama des realen Lebens her. Schon die Grundregeln, wie man den Ball bewegen darf, sind aufschlussreich. Mit dem Fuß, der Brust oder Kopf einen Ball zu kontrollieren, ist in viel geringerem Grad möglich als mit den Händen: Es braucht mehr Kunstfertigkeit, zugleich aber wird das Zufallselement stärker. Beide zentralen Elemente des Dramas des Lebens, Leistung und Zufall, kommen damit stärker ins Spiel. Das gilt sowohl für Aktionen von Sekundenbruchteilen Dauer, für kürzere Spielzüge mehrerer Spieler, für das Spiel als Ganzes und manchmal sogar für eine ganze Saison. Das ist auch gut sichtbar an der Organisation von Ligen und Pokalspielen: In den Ligen dominiert die Leistung, in Pokalspielen wird das Zufallselement stärker. Europa- und Weltmeisterschaften mixen beide Elemente.
Zweitens sorgen die Regeln des Fußballspiels für gleiche Bedingungen für beide Mannschaften, und hier kommt der Gedanke der Fairness ins Spiel. Es ist für uns völlig selbstverständlich, dass die beiden Tore gleich groß sind, dass die beiden Mannschaften gleich viele Spieler haben, dass es Seitenwechsel gibt und ähnliches. Wie wichtig diese Fairness ist, wird besonders deutlich, wenn sie verletzt wird, z.B. bei Bestechungsfällen von Spielern oder Schiedsrichtern. Man kann daraus schließen, dass wir Menschen generell nur spielen wollen, wenn grundsätzliche Fairness gegeben ist, sonst nicht. Das Leben selbst ist unfair genug, beim Spielen wollen wir damit nichts zu tun haben. Wie im realen Leben gibt es beim Fußball eine Rechtsprechung, die neutral sein soll, den Schiedsrichter, neuerdings unterstützt durch den Videobeweis.
Drittens bringen die Regeln das Drama des Spiels nach einer klar definierten Zeit zu einem Ende. Im realen Leben haben es die Dramen manchmal an sich, dass sie kein Ende nehmen. Denken Sie an aktuelle politische Konflikte im nahen Osten, die seit Jahrzehnten bestehen, oder die dramatischen Geschichten, die in manchen Partnerschaften ablaufen. Wenn man dabei nicht mehr zusehen will, dann schaut man lieber Fußball: Auch dort ist es dramatisch, aber es gibt ein klar absehbares Ende.
Viertens sichern die Regeln die Distanz des Spiels zum Ernst des realen Lebens. Das Spielgeschehen darf nicht in Ernst umschlagen, sonst zerstört es sich selbst. So stehen Aktionen, die für Gegenspieler real gefährlich sind, unter Strafandrohung. Ebenso sind der Schiedsrichter, der für die Einhaltung der Spiel-Regeln zuständig ist, und seine Entscheidungen unantastbar. Schon der Protest gegen seine Entscheidungen wird sanktioniert.
Das Geheimnis des Fußballs liegt in seinem spezifischen Mischungsverhältnis von Leistung und Zufall, das durch ziemlich einfache Regeln entsteht, aber eine unglaubliche Vielfalt erzeugt. Jeder kann im Fußball ein Experte sein, und am Stammtisch sagt der Abteilungsleiter nicht notwendigerweise die klügeren Sachen über ein Spiel als der Sachbearbeiter. Fußball zeigt eine einzigartige Variation im Rhythmus von Spannung und Langeweile, von Voraussehbarkeit und Überraschung, von belohnter und unbelohnter Leistung, von unverschämtem Glück und bodenlosem Pech, von Gerechtigkeit und schreiendem Unrecht, von Eleganz und Brutalität, von Köpfchen und Körperlichkeit. Ganz offensichtlich kann sich jeder in dieser Vielfalt wiederfinden: ob jung oder alt, ob reich oder arm, ob Doktor oder Hilfsarbeiter, ob in Europa, Afrika, Südamerika oder Asien. Kurz: Fußball stellt das Drama des Lebens nach.

 

Zur Person

Paul Hoyningen-Huene ist promovierter theoretischer Physiker, pensionierter Professor für Theoretische Philosophie an der Leibniz Universität Hannover und Lehrbeauftragter für Philosophy of Economics an der Universität Zürich. Sein primäres Forschungsgebiet ist die allgemeine Wissenschaftsphilosophie. Seine Arbeiten beziehen sich u.a. auf die Philosophien von Thomas S. Kuhn und Paul Feyerabend, auf Inkommensurabilität, Reduktion, Emergenz, wissenschaftlichen Realismus, die Abgrenzung von Wissenschaft und Alltagswissen und auf Fußball. Buchveröffentlichungen u.a.: Die Wissenschaftsphilosophie Thomas S. Kuhns. Rekonstruktion und Grundlagenprobleme, 1989; Formale Logik. Eine philosophische Einführung, 1998; Systematicity. The nature of science, 2013.

 
 
Weitere Informationen zum Dozenten

Literaturhinweise (aktuelle Veröffentlichungen)

 

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